Vom Hörfehler zum Export-Erfolg: Ein fränkischer Musikbogenbauer ist weltweit gefragt
Erlangen (Februar 2026) - Sebastian Dirr öffnet die Tür zu seinem Haus in einem Erlanger Wohngebiet. In der einen Hand einen noch unfertigen Bogen haltend, das Bogenhaar noch nicht eingespannt, führt er in seine gemütliche kleine Werkstatt. Ein kleiner Ofen in der Ecke spendet wohltuende Wärme, die Katze putzt sich auf dem Werkstisch daneben. In diesem Moment wirkt alles von draußen einen Tick weiter weg: der Straßenlärm, die Eile, die Kälte an diesem trüben Januartag. An einem Stuhl lehnen Bögen, manche alt, manche neu, manche nur auf Besuch – Reparaturen, die auf ihren nächsten Handgriff warten. An der Wand hängt ein blonder Pferdhaarschweif, auf der Werkbank liegt ein „Frosch“ aus Ebenholz, daneben Silberdraht, Schrauben, winzige Keile, sogar einige große Teichmuscheln aus nahen gelegenen Weihern oder Seen. Hier entstehen keine Serienprodukte – sondern Exportschlager, die bei MusikerInnen und InstrumentenhändlerInnen auf der ganzen Welt begehrt sind: handgefertigte Bögen für Geige, Bratsche und Cello. Doch genau diese hochspezialisierten Unikate gehen von hier aus um die Welt – nach Asien, in die USA und quer durch Europa. Seit 2001 zeigt Bogenbaumeister Sebastian Dirr mit seinem Ein-Mann-Betrieb, wie Außenwirtschaft im Handwerk im ganz Kleinen funktioniert: leise, persönlich, qualitätsgetrieben – und überwiegend per Mundpropaganda.
Ein Hörfehler
„Ich mach´s wie vor 200 Jahren. Ich wollte immer etwas Filigranes selbst erschaffen, wo es dreckig und staubig wird. Ohne Maschinen. Ich habe nur eine kleine Kreissäge und eine Bohrmaschine. Alles ist ein bisschen seltsam bei mir“, erzählt Sebastian Dirr. Der Weg in die Selbstständigkeit war dabei alles andere als geradlinig. Der Bogenbauer stammt aus einer Familie, in der Musik zum Alltag gehört, sollte eigentlich Musiker werden. Sein Cousin Gustav Rivinius, deutscher Cellist und Professor für Violoncello, zählt heute zur internationalen Musiker-Spitze.
Sebastian Dirr und sein Bruder sollten sich von den übrigen „Streichern“ in der Familie mit Oboe und Klarinette abheben und Blasinstrumentenmusiker werden. Für ihn aber wurde öffentliche Auftritte zur Belastung: „Bei Konzerten war ich so nervös… da habe ich gedacht, das macht keinen Sinn.“ Die Idee: Instrumentenbauer als Beruf. Nur verstand ein Verwandter den Plan falsch – aus „Oboen Bauer“ wurde „Bogenbauer“= Ein „Hörfehler“, der sich als Glücksfall herausstellte.
Bei einem größeren Betrieb im Instrumentenbau-Mekka Bubenreuth nahe Erlangen lernte er zunächst Geigenbau mit Fachrichtung Bogenbau und wurde dann zu Beginn der 90er Jahre als einer der Ersten in Deutschland zum Meister im Bogenbau. Nach einigen Jahren als Angestellter machte er sich dann 2001 selbstständig, erst in Bubenreuth, mittlerweile „nur noch“ in Werkstatt, die direkt an sein Wohnhaus angeschlossen ist.
Was ihn bis heute antreibt, ist die Kombination aus Präzision und Filigranität. Alles reine Handarbeit. Denn im Bogenbau zählt jedes Detail – Gewicht, Biegung, Balance, Ansprache. Aus einer Holzstange wird mit Hilfe von einer Flamme der Bogen geformt. Am unteren Ende des Bogens wird der Frosch angebracht, der die Rosshaare hält. Der Frosch ist meistens veredelt mit Perlmutt von Muscheln oder Ebenholz. „Es ist viel komplizierter, als man sich das vorstellt“, sagt er. Und: „Ich lerne jeden Tag dazu, es wird nie langweilig.“ Er selbst spielt kein Streichinstrument. Er hört lieber zu, versucht, Dissonanzen zu erkennen. Bögen können „fester“ oder „weicher“ sein, „volltöniger“ oder „dämpfender“ – wie ein Tonabnehmer, der Klangcharakter formt. Diese Übersetzungsleistung aus Musikerwunsch und Handwerk ist sein Markenzeichen: zuhören, umsetzen, feinjustieren.
Die Werkstatt als globaler Treffpunkt
Für die Herstellung eines Bogens benötigt er 40 Stunden. Seine Bögen beginnen preislich bei etwa 4.000 Euro, viele Kundinnen und Kunden sind Profis: Orchestermusiker, Solisten, InstrumentehändlerInnen. Der Vertrieb läuft dabei überwiegend analog: kein großes Marketing, eine Homepage, die „das letzte Mal 2016 aktualisiert“ wurde – und trotzdem ist die Nachfrage anhaltend groß. Der Grund: Vertrauen im über die Jahre gewachsenen Netzwerk. „In jedem Orchester sitzen mindestens vier Leute, die einen Bogen von mir haben“, sagt Sebastian Dir. Wenn ein Bogen überzeugt, wandert die Empfehlung schnell weiter – samt Telefonnummer und Mailadresse.
Messen als Türöffner – und Bayern als Standortvorteil
Nicht ausschließlich läuft alles über Mundpropaganda. Sebastian Dirr ist auch regelmäßig bei Instrumente-Messen wie der Cremona in Italien dabei. Hier wird er zusammen mit anderen Musikinstrumentebauern von Bayern Handwerk International an einem Gemeinschaftsstand so zusagen promoted. „Die Cremona ist perfekt: spezialisiert, bezahlbar, ohne branchenfremden Lärm. Später kam die Messe akustika in Nürnberg hinzu – heute professionell aufgestellt und zunehmend international. Für ihn ein Standortvorteil: „Ich fahre 20 Minuten mit dem Auto… das ist schon ziemlich großartig.“ Die eigentliche Exportabwicklung löst er pragmatisch: Eine Spedition übernimmt Zoll- und Dokumentenaufwand gegen Gebühr, er bringt das Paket zur Post.
Bei ihm in Erlangen gibt es aber auch B2C-Besuche aus aller Welt: Ein Kunde aus Südkorea fliegt einmal im Jahr nach Deutschland, probiert, kauft mehrere Bögen – und reist dann wieder ab. Andere kommen aus Taiwan oder den USA. Oft ist es „one-to-one“: ausprobieren, auswählen, manchmal nur ein passender Bogen, manchmal fünf. Für den Bogenbauer ist die Außenwirtschaft in Reinform – nicht als Containerladung, sondern als hochpreisiges Einzelstück im Paketformat.
Export mit Chancen – und Fallstricken
Wie schnell ein Nischenmarkt kippen kann, zeigte sein Japan-Kapitel: Ein großer Händler in Tokio ging davon aus, exklusiver Vertriebspartner zu sein – ohne dass es klar vereinbart war. Als andere Käufer aus Japan ebenfalls bestellten, fühlte er sich übergangen. Ergebnis: „Von einem Tag auf den anderen war ganz Japan für mich erstmal gestorben.“ In einer so kleinen Branche spricht sich alles herum – im Guten wie im Schlechten. Die Lehre: Vertriebsabsprachen früh und offen klären, Exklusivität sauber definieren, Erwartungen transparent machen!
Service-Export: Reparaturen in Thailand
Außenwirtschaft bedeutet hier nicht nur Verkauf, sondern auch Dienstleistung. Besonders eindrucksvoll ist ein Projekt in Bangkok: Ein Händler bat um Hilfe, weil vor Ort kaum jemand Bögen fachgerecht reparieren kann. Der Bogenbauer reist (oft zusammen mit seinem Sohn Julian, der ebenfalls Bogenbauer -und Händler im hessischen Frankfurt ist) für zwei Wochen an, macht Haarwechsel, richtet gebrochene Bögen – „Schlange stehen“ inklusive. Danach bleiben ein paar Tage am Strand. Für ihn ist das mehr als eine Reise: Es ist Beziehungsarbeit, Marktpflege und Handwerkstransfer – und zeigt, wie sich selbst kleinste Gewerke international positionieren können.
Material, Regulierung, Zukunft: Wenn Artenschutz das Handwerk berührt
Ein zentraler Punkt im internationalen Geschäft sind Materialien und Regeln. Für die Stangen nutzt der Bogenbau traditionell Fernambukholz (brasilianische Herkunft: Pernambuco). Das Thema ist politisch und regulatorisch sensibel: Artenschutz, Handel, Nachweispflichten. Erst im November beschlossen die Vertragsstaaten des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (Cites) bei einer Konferenz in Usbekistan Handelsbeschränkungen und -verbote für Hölzer beschlossen. Dazu gehört auch Brasiliens Nationalbaum Paubrasilia echinata, aus dem das Fernambukholz stammt. Die Vertragsstaaten einigten sich darauf, den Schutz dieser stark gefährdeten Art auszuweiten, nahmen aber international reisende Musiker und Orchester von den Regeln aus, um internationale Konzertreisen nicht zu erschweren. „Das war eine Erleichterung für mich und meinen Sohn Julian.“ Wäre Handel und Verarbeitung komplett verboten worden, hätte das den Beruf massiv bedroht. Aktuell setzt er auf dokumentierte Bestände und Nachverfolgbarkeit: registrieren, zertifizieren, Bestände abgleichen – damit legaler Handel möglich bleibt.
Auch bei anderen Materialien zeigt sich: Das Handwerk passt sich an, wenn Rahmenbedingungen sich ändern. Wo früher Elfenbein als Kopfplatte verwendet wurde, nutzt er heute Casein (Milchprodukt) als Alternative. Bei historischen oder besonderen Bögen tauchen dennoch Materialien wie Mammut-Elfenbein auf – erlaubt, aber im Grenzverkehr erklärungsbedürftig. Diese Detailfragen sind im Export entscheidend: Was ist zulässig? Wie wird es deklariert? Wie vermeidet man Verzögerungen oder Risiken?
Erfolgsgeschichte in drei Prinzipien
- Spezialisierung statt Breite: Bogenbau ist ein eigener Kosmos. „Das sind zwei Berufe“, sagt er über die Trennung von Geigen- und Bogenbau. Seine Nische ist klar – und macht ihn international sichtbar.
- Qualität plus Beziehung: Empfehlung schlägt Werbung. Professoren, Orchester, Händler – die Szene ist klein, aber wirksam.
- Pragmatismus im Export: Spedition statt Perfektionismus, Messeauftritte mit Augenmaß, klare Absprachen im Vertrieb.
Ein Artikel von Karoline Rübsam, BIHK Service GmbH
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